Wir sind alle Farben.

Du bist Anfang und Ende.
Du bist Gegenwart und Zukunft.
Du bist das Blau und das Gelb.
Du bist.

Ich bin Leben und Loslassen.
Ich bin Sonne und Regen.
Ich bin das Weiß und das Rot.
Ich bin.

Wir sind das Jetzt und das Morgen.
Wir sind alle Farben.
Wir sind ich und du.
Wir sind.

Weißt du noch?

Weißt du noch,
wie wir am Flughafen standen,
wie wir aufeinander flogen und dann zueinander hin?

Weißt du noch,
wie wir unter Kirschblüten lagen,
am Kiosk eine Tüte voll mit Schlickersachen holten
und zusammen S-Bahn fuhren?

Weißt du noch,
wie wir zusammen in Italien das Meer besuchten,
Cappuccino tranken
und Quellen suchten?

Weißt du noch,
wie wir am Crêpestand warteten,
und du mir die drei Worte ins Ohr flüstertest?

Weißt du noch,
wie wir im Bett lagen
und so für immer bleiben wollten?

Was bleibt (Anne VIII)

Was bleibt am Ende des Tages noch übrig. Von den Gedanken morgens unter der Dusche. Von dem Kaffee. Von den Worten am Telefon. Von den Gesichtern in der U-Bahn. Von den Vorhaben am Abend etwas Schönes zu machen – einen Fernsehfilm zu schauen oder in einem Buch zu lesen.

Was bleibt, wenn der Alltag daher plätschert.

Anne (VI)

Ankommen ist das nur ein Wort, oder kann man es wirklich erreichen.

Ankommen. Anne dachte das Wort langsam und wog es in Gedanken hin und her. Es war ein leichtes Wort, aber mit einem schweren Grund. Wie ein Drache, der im Wind flog, aber an einem Band festgehalten wurde – oder wie ein großer Baum, dessen frühlingsgrüne Blätter im Wind rauschten, aber erst die Wurzeln gaben ihm festen Stand. All die Bilder, die Anne einfielen, hatten mit Wind zu tun. War der Wind gar der entscheidende Grund anzukommen? Der Wind, der so frei ist, der den Regen antreibt, die Wellen auf dem Meer anschiebt und der Anne durchs Haar weht? Kommt der Wind denn je irgendwo an?
Vielleicht, dachte Anne, hat das Gefühl vom Ankommen gar nichts mit dem Ankommen zu tun. Vielleicht hat ankommen eher mit sich selbst zu tun – mit „bei sich sein“.
Anne nippte an ihrem Cappuccino, da kam ihr in den Sinn: War es nicht auch ankommen, wenn sie mit vollem Genuss diesen Cappuccino trank? Und genau jetzt war sie in diesem Moment angekommen.

Das Leben würde sie immer wieder hinfort wehen und dann würde sie dem Wind zuhören und wissen – er wird sie begleiten.

Anne (V)

Vielleicht geht es weniger darum anzukommen. Vielleicht geht es vielmehr darum zu leben.

Vielleicht sollte ich das Vielleicht aus meinem Wortschatz streichen, dachte Anne.
Vielleicht ist so bequem – wie ein Platz zum Ausruhen. Kein Handeln nötig. Nur ein Wort – ein gedachtes.

Es ist nicht das Warten…

An der Haltestelle stehend. In wenigen Minuten kommt der Bus. Es ist Herbst. Es ist dunkel. Es ist 19.27Uhr – zeigt die Uhr gegenüber, die sich dreht und Werbung der Apotheke trägt.
Es ist nicht das Warten, sagt Paula, es ist das Worauf. Dabei schaut sie auf die Uhr, die sich dreht. Weißt du, es ist wie mit der Uhr: Die Welt, auf der wir stehen, dreht sich stetig, aber wir bekommen nichts davon mit. Nicht weil sie sich zu langsam drehen würde, sondern weil wir es gewohnt sind. Bekommt die Zeit mit, dass sich die Uhr dreht?
Es ist nicht das Warten, sagt Paula, doch worauf noch warten, wenn nichts kommt. Selbst auf den Bus ist kein Verlass. Ob morgen die Sonne aufgeht oder nicht, ändert nichts daran. Es ist 19.30Uhr.
Wann fragen wir uns noch, wonach wir uns sehnen, wonach wir streben, wohin es uns aus tiefsten Herzen ruft. Tagein, tagaus. Pflichten erfüllen. Geld verdienen. Haken dran machen. Doch wann hinterfragen wir wohinter wir die Haken setzen und ob wir die überhaupt setzen wollen. Es ist 19.33Uhr.
Es ist nicht das Warten, sagt Paula, warten kann schön sein. Wie die Vorfreude auf einen Kuss, wie auf den fertigen Kuchen, der schon aus der Küche duftet, wie auf einen schönen Sommertag am Strand, nach einem harten Winter. Der Bus kommt.
Das Warten ist es nicht, warten ist hoffen. Das ist das gute Warten. Das Warten, das mehr kennt als den Bus, als die Uhr, die sich dreht, als das Morgen.
Es ist nicht das Warten, sagt Paula, es ist das Worauf.

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