Anne (II)

Es war ein Morgen wie jeder anderer.  Der Wecker klingelte viel zu früh. Und es bedurfte einer zweiten Aufforderung des Weckers bis sie aufstand. Der Himmel graute auf. Der Tag war noch ein Versprechen.

Auf dem Weg zur Bushaltestelle spannte sie ihren blauen Regenschirm auf. Der Nieselregen würde ihre Locken sowieso schon genügend aufdrehen. Ihre Augenlider waren bleiernd, die Nacht zu kurz. Gedanken hatten sie schlaflos gemacht – über all das müsste und könnte doch.
Aber der Tag war gnädig zu ihr, denn der Bus kam als sie um die Ecke bog. Heute musste sie nicht warten. Die Welt zog an ihr vorbei. Der Tag im Büro begann. Doch die Gedanken hörten nicht auf. Sie spielte mit ihren Locken.
Wie gut wäre es, dachte Anne, sie könnte sich unsichtbar machen, aber ohne so einen doofen Umhang. Wer will den denn immer bei sich tragen? Eher wie ein Ein- und Ausschalten mit einer Geste, wie wenn man sich eine Strähne hinter das Ohr streicht.
Und schon im nächsten Moment strich sie sich eine Locke hinter das Ohr und stellte sich vor sie sei nun unsichtbar. Lächelnd nippte Anne an ihrem Kaffee. Endlich Ruhe.

Anne (I)

Sie stand zwischen den Welten. Eine, die unterging und eine andere, von der sie nicht wusste, was auf sie zukommen mag. Es war eine Zeit des Ungewissen. Etwas, was nicht mehr ist und etwas, was noch nicht war.
Sie musste aufpassen, dass sie nicht mit dem Wind davon flog. Weit weg, gen Meer. Dort wo sich das Salz auf ihre Lippen setzte und es schmeckte, wenn sie an ihnen entlang leckte. Am Meer kannte sie auch den Wind, der sie antrieb und ihr durchs Haar strich. Es war eine Zeit, in der nur der Wind und das Meer als Konstante erschienen.
Und da stand sie nun, wartete auf den Bus, der sie nach Hause bringen würde. Niemand wartete dort auf sie. Nur ein Schweigen und ein paar welke Blumen, die gegossen werden mussten. Eigentlich, dachte Anne, ist das nicht ihr Zuhause, sondern nur der Ort, an dem sie wohnte.
Bei dem Gedanken wurde sie traurig. Worauf lohnt das Warten, wenn es nur auf den Bus ist?
Die Blumen konnten allein warten. Sie ging los, die Straße entlang, an der Kirche vorbei, am Supermarkt, bog in eine Seitenstraße ein, ging an vielen Häusern entlang und ging. Sie wusste nicht wohin, aber sie würde schon merken, wenn sie angekommen ist.

Es ist nicht das Warten…

An der Haltestelle stehend. In wenigen Minuten kommt der Bus. Es ist Herbst. Es ist dunkel. Es ist 19.27Uhr – zeigt die Uhr gegenüber, die sich dreht und Werbung der Apotheke trägt.
Es ist nicht das Warten, sagt Paula, es ist das Worauf. Dabei schaut sie auf die Uhr, die sich dreht. Weißt du, es ist wie mit der Uhr: Die Welt, auf der wir stehen, dreht sich stetig, aber wir bekommen nichts davon mit. Nicht weil sie sich zu langsam drehen würde, sondern weil wir es gewohnt sind. Bekommt die Zeit mit, dass sich die Uhr dreht?
Es ist nicht das Warten, sagt Paula, doch worauf noch warten, wenn nichts kommt. Selbst auf den Bus ist kein Verlass. Ob morgen die Sonne aufgeht oder nicht, ändert nichts daran. Es ist 19.30Uhr.
Wann fragen wir uns noch, wonach wir uns sehnen, wonach wir streben, wohin es uns aus tiefsten Herzen ruft. Tagein, tagaus. Pflichten erfüllen. Geld verdienen. Haken dran machen. Doch wann hinterfragen wir wohinter wir die Haken setzen und ob wir die überhaupt setzen wollen. Es ist 19.33Uhr.
Es ist nicht das Warten, sagt Paula, warten kann schön sein. Wie die Vorfreude auf einen Kuss, wie auf den fertigen Kuchen, der schon aus der Küche duftet, wie auf einen schönen Sommertag am Strand, nach einem harten Winter. Der Bus kommt.
Das Warten ist es nicht, warten ist hoffen. Das ist das gute Warten. Das Warten, das mehr kennt als den Bus, als die Uhr, die sich dreht, als das Morgen.
Es ist nicht das Warten, sagt Paula, es ist das Worauf.

Nächte

Auf meiner Zunge liegt noch das Salz deiner Haut. Die Nähe, die wir empfinden ist tief und wahr. Es macht mich glücklich dich zu sehen, in deine Augen zu schauen und dich zu schmecken und zu riechen und dich mit meinen Fingern zu erkunden.
Du hast mich gefragt was die Liebe macht. Ich konnte es dir nicht sagen. In mir habe ich das Gefühl, dass wir mehr sind als etwas, was im Bett funktioniert. Wir funktionieren auch unter der Dusche, in der Küche, in der Nacht und am Tag.
Ich würde gern mein Leben mit dir teilen. Ganz. Meinen Alltag dir schenken. “Lass uns alltäglich, aber nicht gewöhnlich werden.” Ein Satz, der mir schon einige Tage nach unserem letzten Treffen durch den Kopf geistert.
Heute sagtest du, dass ich die bin, die deinen Körper am besten kenne. Für mich ist das wie eine Liebeserklärung. Ich kann mir einfach nicht vorstellen, wie es sich jemand entgehen lassen kann, jeden Zentimeter von dir zu erkunden.

Diese Nacht, die wir durchquatschten im jenem Sommer, als ich dir erzählte, dass ich in Farben fühle. Irgendwie begann es dort damals, dort trafen wir uns wieder.
Die Monaten zogen ins Jahr. Es wurde wieder Frühling. Zwei Nächten schliefen wir eng umschlungen. Es passte alles zusammen. Es war einfach. Danach schien alles anders für mich. In mir fühlte es sich wahrhaftig an. Und alles, was nicht wahrhaftig war, schloss ich nach und nach aus meinem Leben aus. Ich konnte nicht anders.

Dann kam der Sommer. Die Nächte. In jeder hieltst du meine Hand beim Einschlafen. Wir redeten bis es hell war. Immer wieder. Flüsternd. Und dann diese eine Nacht. Voller Leidenschaft. Nur du & ich, der Mond und der Wald. Das veränderte mich wieder. Voll von dir.
Du fragtest mich, wie es weiter geht, dass du die Nähe nicht einfach an dir vorbei geht. Ob wir uns im Herbst wiedersehen. Wir schmiedeten Pläne. Du. Ich ahnte nicht, dass du es wahr machen würdest.
Das Treffen, das erste danach. Das war seltsam. Es passte nicht. Ich gehörte nicht zu deinem Alltag. Das war Alltag und nicht wahrhaftig. Und was nicht wahrhaftig ist, hast du mir gezeigt, lass ich sein.
Eine Winternacht – als wäre sie im Sommer. Gartenparty. Knutschen. Live Musik. Und du fragtest mich, ob ich nicht warten kann. Und du sagtest mir, dass du mich liebst. Ich weinte. Sehr. Am Morgen danach stellte ich mir zum ersten Mal uns vor. Ein Leben mit dir. Verwunderlich, dass ich es nie zuvor getan habe. Es überwältigte mich. Es machte mich glücklicher, als ich je zu hoffen gewagt hätte. Unerträglich glücklich.
Es folgte das neue Jahr. Wir schrieben uns. Du mir. Und wir trafen uns. Bei mir. Allein. Zum ersten Mal so richtig. Ohne Zufall. Mit Zeit. Nur wir. Und es war ein Genuss. Meine Finger erkennen dich wieder. Alles an dir. Kurzatmig.

Jetzt ist heute. Jetzt ist Leidenschaft. Es ist wieder Sommer. Wieder Nacht. Du kommst einfach in meinen Alltag. Ein wenig zu früh. Es dämmert noch. Doch dann atme ich dich. Schmecke dich. Rieche dich. Sauge dich ein. Das ist pures Glück. Alles.

Also frage mich bitte nicht mehr, was die Liebe macht, denn sonst müsste ich dir sagen, dass sie nichts macht, nur warten und nichts will – außer dich ganz.

In der Ferne

In die Nacht, das Blau hinein.
Fremde Stimmen klingen.
Möchte in der Ferne sein,
Dort wo die Möwen singen.

Am Meer, das schöne Leben,
Ist anders als das hier.
Dort lern’n Gedanken schweben.
Und Du wärst längst bei mir.

Der Stein

Mein Leben lang truge ich diesen Stein mit mir rum. Schwer & hässlich. Ich weiß gar nicht, woher ich ihn habe oder seit wann. Er war einfach da.

Er ist mir mittlerweile vertraut geworden und hat seine Kanten verloren. Die Menschen erklärten mich schon für verrückt, wieso ich so einen großen, schweren Stein immer mit mir herum trage. Ich hatte aufgegeben mich zu erklären. Sie verstanden es nicht, dass mir der Stein wichtig geworden ist, weil er für mich besonders ist. Und nicht nur, weil man sich prima darauf setzen konnte oder er im Sommer durch die Sonne aufgeladen einen warmen Platz bot.

Zig Mal ist er mir schon runter gefallen. Und ich? Ich hob ihn immer wieder auf und steckte ihn zurück in meine Tasche.

Dann, er lag einfach so auf dem Tisch, platzte er nach all den Jahren einfach auf. Ich erschrak. Wie konnte das sein? Dieser Stein hat ein Innenleben?
Als ich ihn in die Hand nahm, waren es zwei Hälften. Es ist ein Amethyst. Lila. Funkelte. Wunderschön. Niemals hatte ich geahnt, dass sich so etwas schönes in diesem schweren Etwas verbarg.
Ich lächelte. Ich wusste, da ist etwas besonderes in diesem Stein.

Und wie ich ahnte, es war immer schon da, es hat nur auf den richtigen Moment gewartet.

_______________________________

Vor einigen Tagen schrieb Frau querulantia eine Liste auf mit Dingen, die sie -warumauchimmer – nicht mehr tut.

So dachte ich an meine Dinge, die ich nicht mehr tue. Die Liste fiel mir schwer und ich bemerkte, dass es vieles gibt, was ich heute lieber sein lasse. Meine Gedanken verloren sich tiefer und tiefer in vergangene Jahre. Bilder, Momente und Menschen zogen an mir vorüber, die mittlerweile nicht mehr Teil meines Lebens sind. Das machte mich traurig.

Doch mir fiel auf, dass mich viele Dinge seit Jahr und Tag begleiten – Dinge, an denen ich festhalte, die mir nach wie vor wichtig sind, mir Kraft geben, die mich mutig sein und jeden Tag aufstehen lassen – auch an den nicht so guten.

Die ist meine Liste. Wer hat noch eine?

Der sanfte Schimmer der Nacht

In seinen Augen war die Last zu sehen, die er so lange mit sich getragen hatte. Nun war er angekommen um Rast zu machen. Sein Weg würde weiterführen. Seine Suche war hier noch nicht beendet.

Einen Schluck Wasser nahm er zu sich und schaute sich ruhig um. Waren es doch die Kleinigkeiten, auf die er so viel acht gab.
Ganz in sich gesunken und mit großen Augen saß er da.
Draußen war es schon dunkel geworden. Das war ihm lieber. Er meinte, in der Nacht könne man die Seele der Menschen besser ansehen. Die grelle Sonne zeige nur die Maske. Bei zartem Kerzenlicht hätte alles einen sanften Schimmer und sähe friedlich aus.

Er sprach wenig und doch war es viel was er von sich gab.
Wonach er suche wisse er auch noch nicht, aber wenn er es gefunden hätte, wäre es offensichtlich.

Und irgendwann, Stunden später, als der Mond hell durch das Fenster schien, stand eine Träne in seinem Auge. Sanft legte er seinen mit grauem Haar bedeckten Kopf zurück und atmete tief ein.
Einmal, sagte er, da sei er einer wunderschönen Frau begegnet. Schon von weitem habe er ihr strahlendes Lächeln gesehen. Sie sah wie eine Elfe aus; um sie herum lag ein weißer Schimmer. Und sie ging nicht. Ihr Gang gab den Anschein, als ob sie Flügel tragen würden und durch die Lüfte schwebe.
Die Zeit wäre nicht auf ihrer Seite gewesen. Aber noch immer denke er in einsamen Nächten an ihr duftendes Haar, durch welches er strich – und ihre zarte Pfirsichhaut, die er zärtliche berührte.

In einer Nacht würde manchmal mehr geschehen, als in einem ganzen Leben.

So saß er in dem Sessel. Seine Stiefel offen geschnürt. Seine kräftigen Hände hielten den Wanderstock, der ihm auch beim Aufstehen half.
Es war still. Da schlief er ein.

Am nächsten Tag, als die Vögel gerade erst aufgewacht waren und der Mond unterging, war er schon fort.
Einen Zettel hatte er zurückgelassen, auf dem geschrieben stand:
„Verpasse nie die Chancen, die dir das Leben gibt. Jede von ihnen ist wertvoll.
Schon ein Moment kann dein ganzes Leben verändern.“

(4. Januar 2005)

Viele Farben Blau.

Manche Nächte sind dunkler. Der Tag klaut Stunden und füllt sie mit Gedanken. Jeder bringt eine andere Farbe mit. Am Ende bleibt immer nur das Blau. Zunächst wirkt es kühl, allein, traurig. Doch wenn der Mond leuchtet, die Sterne scheinen und selbst das Rot zur Ruhe kommt, wird deutlich wie warm und geborgen das Blau strahlen kann.

Die Perspektive wechseln. In blaue Augen schauen. In den blauen Himmel. Ins blaue Meer. Viele Farben Blau. Dann das Geheimnis erkennen und merken, dass selbst in allen anderen Dingen Blau stecken kann. Tief im Innen. Ein Gefühl, das mitschwingt, das nicht zu sehen ist, aber spürbar.

In der Erinnerung wird jede Nacht blau gewesen sein.

Spuren mit Farbe überstreichen.

 

Worte wie Bilder. Eindrücke, die Spuren hinterlassen und diese mit Farben überstreichen, als wäre alles etwas strahlender, alles ein bisschen anders. Eine neue Perspektive reicher.

Warm ist das, was in mir ist. Wie die Abendsonne. Es ist ein Widerhall, von dem was ist und grad begonnen hat. So als wäre es schon immer da gewesen, im Hintergrund und nun endlich gesehen werden will.

Reisen in neue Welten. Glück – eine besondere Form.

 

Auf den Punkt gebracht.

Zwischen dem was noch nicht ist und dem was schon war. Zwischen den Punkten auf der Lebenslinie. Im Farbenmeer versinken und auf dem Grund ankommen. In sich selbst wieder Halt finden und nicht mehr fliegen. Die Unendlichkeit auf den Punkt gebracht.

Parallel.

Reisen. Fern vom Alltagsgrau. Aus dem alten Leben ins neue. Von bekannten Orten in andere Welten.

Und sich immer wiederfinden. Zwischen den Linien, die sich nie treffen und doch ein Netz bilden.

Himmelblau.

An einem Sonntag.
Mit blauem Himmel und Sonnenschein.

Es wirkt fast so, als sei es doch ein wenig zerbrechlich, dieses perfekte Blau.

Eine Sehnsucht nach Zeichen macht sich breit, die dort oben nicht zu sehen sind, weil sie nur in mir zu hören sein werden.

Stille.

Zacken. Unabgebrochen.

 

Es ist Neujahr, ein Anfang, der schon vorher begonnen hatte. Auf dem Heimweg im Nieselregen, doch goldenen Zacken, die fast wie eine Krone aussehen, ragen in den grauen Himmel. Umhüllt mit einem sonderbaren Gefühl aus Vertrautheit und Leichtigkeit…

Create a website or blog at WordPress.com

Nach oben ↑